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Fragen an Christiane Cuticchio von Peter Schmidt
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Fragen
zur Künstlerkolonie „Atelier Goldstein“
an Christiane Cuticchio (Atelierleiterin) von Peter Schmidt (ZDF Autor)
Frau Cuticchio, das Atelier Goldstein, dieser fast
schon vertraute Name, wie kam es überhaupt zu der Benennung?
Unser erstes Atelier, welches uns Kalluz Winkler, ein guter Freund
und selbst Bildhauer, zur Verfügung stellte, lag im Frankfurter Stadtteil
Goldstein an der Goldsteinstraße. Es war die Brutstätte des Ateliers,
wie wir es heute kennen. Dort sind Künstler wie Stefan Häfner
und Hans-Jörg Georgi zum ersten Mal aufgetaucht. Dort hat Christa Sauer
erstmalig probiert, auf großformatigen Leinwänden zu malen. Holger
Frischkorn kam mit einer Elvis LP und malte, damals schon in seiner typischen
Plakatmalereimanier, das Cover ab. Als wir unsere ersten Schritte in die
Öffentlichkeit taten, brauchte das Kind einen Namen. Es war der Künstler
Selbermann, der das Atelier das „Goldstein Atelier“ nannte.
Das haben wir beibehalten.
Es war also ihre erste Wirkungsstätte zusammen
mit den Künstlern, wie kamen Sie eigentlich auf die Idee mit diesen
Künstlern zusammenzuarbeiten, Menschen mit Handicaps arbeiten in Werkstätten,
sind oft in schlecht ausgestatteten Einrichtungen untergebracht, wie finden
Sie diese Künstler?
Ich habe mich immer schon gewundert warum dieses ganze Feld der Kunst
von Außenseitern, ob Dilettanten- oder Irrenkunst, sowenig Beachtung
findet. Unter Künstlern selbst wird sie durchaus geschätzt und
die einzigartige Prinzhorn Sammlung ist schließlich auch jedem Kulturschaffenden
bekannt. Trotzdem ist in der Öffentlichkeit wenig, oder nur Bastelgruppenmaterial,
davon zu sehen. Ich wollte der Sache auf den Grund gehen. Um überhaupt
an autistische Menschen heranzukommen, bedarf es in unserer Gesellschaft
in der Regel einer Organisation. Ich habe mich bei der Lebenshilfe Frankfurt
mit dem Wunsch beworben, eine Künstlergruppe aufzubauen zu können.
Dort musste ich allerdings erst einmal zwei Jahre lang behinderte Menschen
aller Altersklassen bei ihren Freizeitaktivitäten betreuen. Gefunden
habe ich die Goldstein-Künstler dann, weil ich in ihren Behindertenwerkstätten
und Wohnheimen, die ich mittlerweile kannte, nach ihnen gesucht habe. Es
war mir anfangs nicht klar, dass soviel Potential dabei herauskommen würde.
Sie haben mit dem Atelier und den Künstlern eine
wahre Odyssee hinter sich gebracht, wie konnten Sie die Unterstützung
bei den Frankfurtern, dem Magistrat und den Bürgern finden? Sie hatten
ja immer vornehme Adressen und großzügige Unterstützer finden
können, wie funktioniert das?
Das Erfolgsgeheimnis des Atelier Goldstein ist Folgendes: Es besteht
aus seinen Künstlern und dem Team, ist aber eingebettet in ein ganz
erstaunliches Netzwerk von Frankfurter Institutionen, Privatpersonen und
Freunden. Als Beispiel: Im Jahr 2003 suchten wir einen Raum für unsere
erste Ausstellung. Der Leiter des Liegenschaftsamts, Alfred Gangel, hatte
die Idee, uns das Alte Hauptzollamt am Dom zu überlassen, zu jener
Zeit Gegenstand der Verkaufsverhandlungen zwischen der Stadt Frankfurt
und dem Bistum Limburg. Ich musste also unseren damaligen Bischof Franz
Kamphaus um eine temporäre Nutzung bitten. Wir bekamen die Räume
für die Ausstellung und durften sie danach noch für acht Monate
als Atelier nützen. Die wunderbare Sylvia von Metzler, die als eine
der Ersten das Atelier besuchte und es seither unterstützt wo immer
sie kann, besorgte die Einladung und der Bischof spendete den Wein zur
Ausstellungseröffnung. Das Liegenschaftsamt sorgte auch für
zwei weitere Domizile, eine großzügige Etage in der Hanauer
Landstrasse und die ehemalige Postfiliale in der Gartenstraße, in
der wir heute die Galerie ZURPOST betreiben. Die eXperimente Kulturförderung
der Aventisstiftung ermöglicht, dass dort Ausstellungen und Veranstaltungen
stattfinden und Publikationen wie diese erscheinen können.
Unsere sehr erfolgreiche Ausstellung in Berlin kam zustande, weil Karin
Evers-Meyer, Die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange
behinderter Menschen, Melanie Schmitt und mich bei einem Fachvortrag in
Hamburg gesehen hat. Gemeinsam mit Rainer Benz, der die Ausstellungskonzeption
für das Kleisthaus macht, hat sie uns zu einer hervorragend organisierten
und durchgeführten Ausstellung eingeladen, die Tausende von Besuchern
gesehen haben.
Künstler, wie die Designerin Gabi Schirrmacher, begleiten uns auf
unserem Weg. Sie hat nicht nur, gemeinsam mit dem Autor und Verleger Christian
Sälzer, das Designpreisgekrönte Buch „Goldstein Künstler“
gemacht. Durch ihre Vermittlung lernten wir, unter anderem, den Frankfurter
Kunstfreund und Investor Ardi Goldmann kennen. Von ihm erhielten wir unser
nächstes Atelier in der Hanauer Landstrasse. Das Team um Frank Schneider
von filmstyler pictures GmbH hat die phantastischen, ebenfalls preisgekrönten
Kurzfilme über drei Goldsteinkünstler gedreht. Sie selbst haben
die bezaubernde ZDF-Dokumentation „Komm lass uns fliegen“
über Goldstein gemacht, die meines Wissens für den Grimme-Preis
vorgeschlagen ist. Ob es die Suche von Arbeitsräumen betrifft, das
Schreiben von Beiträgen für die Publikationen des Ateliers,
Durchführung von Ausstellungen, oder das Besorgen von Finanzmitteln,
die Liste der Freunde und Unterstützer ist lang. Allesamt Persönlichkeiten,
die mit ihrer Professionalität und gesellschaftlichen Verbindung
im Kontext eines Projekts mit behinderten Menschen sonst nicht vorkommen.
Ohne sie wären wir nicht das, was wir sind. Das ist das Besondere
an unserem Atelier. Wichtig dabei ist nicht nur die Tatsache, dass diese
Freunde sich engagieren, sondern auch, warum sie es tun. Sie sind nämlich
wirklich beeindruckt von der Arbeit der Goldstein-Künstler und des
Teams. Somit ist das was sie tun wesentlich mehr als nur „social
sponsoring“.
Wie empfanden die Künstler dieses Vagabundenleben
des Ateliers? Hat sich das auf die Arbeit niedergeschlagen? Der Umzug
in ein altes Kutscherhaus, es wurde einzig und alleine für die Künstler
umgebaut, es ist ein neues sicheres Zuhause, fühlen sich die Künstler
und Sie angekommen? Ich frage das, weil aus meiner Perspektive die Räumlichkeit
zwar Privatheit evoziert, sie aber für künstlerisches Schaffen
der unterschiedlichen Künstler aus meiner Perspektive nicht unbedingt
geeignet ist.
Das Vagabundenleben hat viele Künstler aus ihren Alltagsrundumbehindertenversorgungsnischen
herausgeholt. Sie konnten zum ersten Mal spüren, dass so etwas wie
gesellschaftliche Normalität, mit allen Vor- und Nachteilen, auch
für sie möglich ist. Für einige der Künstler war es
tatsächlich eine Inspiration. Der Modellbauer Stefan Häfner,
der die Stadt oft mit der Kamera auf der Suche nach Motiven für seine
Zukunftsstädte absucht, hat sicher enorm von den Umzügen des
Ateliers profitiert. Ebenso der umtriebige, neugierige Markus Schmitz,
der unter seiner Unterbringung im Behindertenkontext leidet und nichts
lieber mag als urbane Orte, wie die belebte Hanauer Landstrasse, mit ihren
Läden und Restaurants. Der häusliche Hans-Jörg Georgi will
seine Ruhe haben und braucht Platz. Beides hat er nun im größten
Raum des neuen Ateliers. Anderen Künstlern ist es jedoch egal, wo
sie sind. Wichtig für sie ist die Möglichkeit schnell in Kontakt
zu ihrer künstlerischen Arbeit zu kommen. Die Zeit nach einem Arbeitstag
in der Behindertenwerkstatt ist knapp und kostbar. Allerdings ist für
den einen oder anderen autistischen Künstler der räumliche Rückzug
nun nicht mehr möglich. Wir versuchen dies durch Umstrukturierung
der Gruppen auszugleichen.
Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt hat
wesentliche Werke von Stefan Häfner in seine Sammlung aufgenommen,
überall in Deutschland, in Europa, machen Künstler wie Hans-Jörg
Georgi, Christa Sauer und Birgit Ziegert auf sich aufmerksam. Wie schaffen
Sie es, die Verbindungen aufzubauen, den Künstlern somit ein Gehör
zu geben?
Peter Cachola Schmal, mein Ehemann und Direktor des Deutschen Architekturmuseums,
hat in zwei großartigen Ausstellungen Werke aus dem Atelier Goldstein
gezeigt und war neben Jean-Christophe Ammann und Natalie de Ligt der erste,
der Goldsteinarbeiten in einen ernsthaften Kunstzusammenhang stellte.
Amman zeigte die Flugzeuge von Hans-Jörg Georgi auf der renommierten
9. Triennale Kleinplastik in Fellbach, schon bald nachdem er Georgis Arbeiten
bei unserer ersten Ausstellung im Alten Hauptzollamt entdeckt hatte. Andere
Kuratoren wie Natalie de Ligt, Leiterin der Kunsthalle Mainz und vorher
des Kunstvereins Nürnberg, Anja Trudel von der Galerie Sprüth
und Magers, Koen van Synghel vom timefestival in Gent/Belgien, das Musée
Dr.Guislain in Gent, das Madmuseé in Liège/Belgien, Galeristen
wie Erhard Witzel aus Wiesbaden zeigen immer wieder Werke der Goldsteinkünstler.
Die Voraussetzung dafür, dass all diese Verbindungen zu Stande kommen,
liegt in der Arbeit des Teams. Die britische Künstlerin Liz Coleman
ist so etwas wie ein künstlerischer Koordinator. In ihren Händen
liegt die Abwicklung der Arbeitsvorgänge im Atelier. Die diplomierte
Kunstpädagogin Melanie Schmitt ist diejenige, die neue, völlig
zeitgemäße Konzepte die später zu Projekten und Kooperationen
führen entwickelt, in deren Rahmen sich die Künstler nach Belieben
ausleben können, ohne auch nur im Geringsten altbacken zu wirken.
So wie ich konzipieren, organisieren und kuratieren sie Ausstellungen,
stellen Kontakte zu Museen, Sammlern, Galeristen und anderen Künstlern
und Geldgebern her. Man könnte es auch anders formulieren: in dieser
Dreierkonstellation weiß jeder genau, was er tut. Dieses kleine,
aber extrem gut zusammen arbeitende Team und sein technischer Allroundmitarbeiter
Raffael Soyka sind die Basis, von der die außerordentliche Begabung
der Goldsteinkünstler getragen wird und die sie brauchen, um sich
auf unbekanntem Terrain mit größtem Vertrauen bewegen zu können.
Sie ist der Grund dafür, dass die vielen Partner sich für das
Atelier Goldstein engagieren. Diese Verbindung von künstlerischem
Potential und hochprofessioneller Vermittlungsarbeit erreicht schließlich
das Publikum, das man sich wünscht.
Die Werke werden in der Commerzbank, im Frankfurter
Römer, in international hochrangigen Museen gezeigt, was haben die
Künstler davon?
Manche Künstler sind sich sehr bewusst, wie sich ihr Leben
verändert hat, seit sie im Atelier Goldstein arbeiten. Sie sind plötzlich
nicht mehr namenlos in einer Gruppe von Namenlosen unter dem Obertitel:
„Die Behinderten“. Sie erfahren Respekt, wie Hans-Jörg
Georgi, der von einem Security Mitarbeiter auf dem Frankfurter Flughafen
auf seine Flugzeugmodelle, die dieser aus dem Fernsehen kannte, angesprochen
wurde und darauf lapidar antwortete: „Tja, ich bin halt Künstler“.
Die Lebensperspektive der Künstler ist oft
eng gesteckt, Behindertenwohnheim, Wohngruppe, kaum Maßnahmen zur
Steigerung des Wertegefühls, was trägt das Atelier hier bei,
damit den Menschen, die bei Ihnen etwas „kreativ schaffen“,
auch einen Mehrwert mit in ihr Leben nehmen?
Wenn man sich bewusst macht, was die Steigerung des Wertegefühls
zur Folge hat, ist im Falle des Atelier Goldstein die simple Tatsache,
dass hier Menschen genau das tun können, was sie am liebsten und
am Besten zu tun in der Lage sind, die Antwort auf die Frage. Etwas mit
Liebe, großem Ernst, Begabung, Hingabe, manchmal Obsession Hervorgebrachtes,
kann nicht ohne Rückwirkung auf die gesamte Person bleiben. Künstler
wie Georgi oder Häfner arbeiten schon seit Jahrzehnten an ihren Sujets.
Am Ende langwieriger, äußerst kreativer Arbeitsprozesse wurden
ihre Kunstwerke früher in der Regel von ihren Betreuern in die Mülltonne
geworfen. Groß, wie die Arbeiten der beiden Künstler nun einmal
sind, störten sie die häusliche Idylle. Nimmt man diese Arbeit
aber ernst und erkennt auch deren unschätzbaren Wert, auch für
die Künstler, dann bedeutet die Möglichkeit, diese nun in Ausstellungen
wie „Modellstück“ im Arp Museum, „Alle Zeit der
Welt“ in der Kunsthalle Mainz oder „Heterotopia“ im
DAM zu sehen eine geradezu dramatische Rehabilitierung der Existenz dieser
Menschen. Nicht mehr und nicht weniger.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden
Sie den Menschen im Atelier Goldstein für die Zukunft wünschen?
Dass sie immer Menschen finden, die ihren wahren Wert erkennen
und ihnen den nötigen Respekt nicht verweigern, nur weil sie behindert
sind.
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